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Der Ruheraum im Q:WIR 

Dieser Beitrag soll die Idee hinter dem Projekt “Ruheraum” des Q:WIR Jugendzentrum in der Fröbelgasse veranschaulichen und darstellen, was dieser Raum ist und was er bewirken soll. Auch wird darauf eingegangen, welches Equipment der Raum braucht. Zum Schluss legen wir dar, wie das Projekt bis jetzt angenommen wird und wie es in Zukunft aussehen kann. 

Was ist der Ruheraum und warum braucht es ihn? 

Die Besucher:innen des Q:WIR Jugendzentrums sind unterschiedliche und diverse Personen, aber viele von ihnen sind neurodivergent1, psychisch vorbelastet oder von psychischen Erkrankungen betroffen. Sie profitieren von einem Rückzugsort, der in Situationen von Überforderung und nervlicher Anspannung zur Verfügung steht. Solche Situationen können sein: Überstimulierung durch laute Geräusche, bestimmte Gespräche oder Situationen, Angst-Attacken, Panik-Attacken oder das Gefühl, getriggert zu sein, um nur einige zu nennen. 

Trotz Studien, die auf einen Zusammenhang zwischen Queerness und Neurodivergenz hinweisen, ist die Idee eines solchen Rückzugortes für alle Einrichtungen der offenen Jugendarbeit relevant!   

Der Ruheraum ist ein kleines Zimmer im Jugendzentrum, das möglichst  sensory-friendly (rücksichtsnehmend auf Empfindlichkeit gegenüber Reizen) gestaltet ist und einen Rückzugsort für Besucher:innen darstellt. Ist der Betrieb für die Nerven zu überstimulierend oder psychisch überfordernd, wirkt dieser Raum durch Abmilderung von äußeren Reizen als Safe_r Space. In solchen Fällen können sich Besuchende allein, oder in Begleitung von Vertrauenspersonen, dorthin zurückziehen.2 Dieser Ort ist besonders relevant für neurodivergente und psychisch kranke Personen. Das Angebot richtet sich aber an alle Jugendlichen, die das Jugendzentrum besuchen. Wichtig ist bei all dem die Freiwilligkeit, welche eines der vielen Prinzipien der Offenen Jugendarbeit darstellt.3  

Was sind die Ziele des Ruheraums? 

Ziel des Ruheraums ist es, einen Ort zu schaffen, der es neurodivergenten oder psychisch kranken Jugendlichen erleichtert, ein Jugendzentrum zu besuchen. Hürden, welche der Alltag mit Überstimulierung und hoher Sensibilität mitbringt, werden gemindert und das Jugendzentrum, als Ort, der für ein möglichst breites bzw. diverses Publikum zugänglich ist, gefestigt. Die Idee des Jugendzentrums generell ist, so zugänglich wie möglich zu sein: Der Ruheraum trägt dementsprechend einen wichtigen Beitrag zur Inklusion bei. und Für Besucher:innen sollte es möglichst eine Option bleiben, das Jugendzentrum trotz Hürden besuchen zu können. Bestenfalls sollte diese Option nicht wegfallen, weil Angst vor Überstimulierung, Angstzustände oder Sensibilität besteht.  

Der Ruheraum bietet auch für Fälle von Müdigkeit oder körperlicher Anstrengung einen Ort zum Ausruhen, beispielsweise, wenn man gerade von Schule oder Arbeit kommt oder nicht gut geschlafen hat. Er ist somit auch, wie bereits betont, wichtig für sogenannte “neurotypische” und nicht von psychischen Erkrankungen betroffene Besucher:innen.  

Im Ruheraum können auch gut in einer privaten Atmosphäre tiefergehende Gespräche geführt werden, egal ob zwischen Besucher:innen untereinander oder mit Jugendarbeiter:innen. Wichtig ist jedoch, dass der Ruheraum ein Ort der Jugendlichen bleibt und sich Jugendarbeiter:innen nur wenn nötig dort aufhalten. Ziehen sich Besucher:innen zurück in den Ruheraum, kann dies auch aus pädagogischer Sicht genutzt werden, um mit den Besucher:innen in Beziehung zu treten und deren Lebenswelten besser zu verstehen. Die Privatsphäre des Raums macht es möglich, Probleme besser ansprechen zu können. Sie verringert die Möglichkeit, dass persönliche Themen und Konversationen gegen den Willen der betroffenen Besucher:innen mitgehört werden (durch Aufschnappen im Vorbeigehen zum Beispiel).  

Besucher:innen können den Raum selbstständig aufsuchen und dort bei Bedarf auch wieder allein gelassen werden. So grenzt sich der Ruheraum von anderen privaten Gesprächsmöglichkeiten, wie zum Beispiel dem Büro der Mitarbeitenden, ab. Es besteht kein Druck, mit den Mitarbeitenden in Interaktion zu treten. Das Angebot mit ihnen entlastende Gespräche zu führen bleibt bestehen. 

Neue Vertrauensprozesse oder Ebenen der Beziehung zwischen Mitarbeiter:innen und Besucher:innen können durch organisch entwickelte Gespräche entstehen, welche von den Mitarbeitenden nicht initiiert werden. Hürden mit den Mitarbeitenden in Kontakt zu treten, werden abgebaut, eine Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten erleichtert.  

All die oben genannten Punkte können als positiv angesehen werden, andere Besuchende können und sollen jedoch nicht abgehalten werden den Ruheraum aufzusuchen. Auch wenn dieser schon besetzt ist. Etwaige Entlastungsgespräche müssen in diesen Fällen eventuell unterbrochen werden, was auch Herausforderungen bergen kann. Zudem muss regelmäßig und bei jedem Gespräch oft einzeln im Blick behalten werden, wo die Grenze gezogen wird zwischen einem unverbindlichen Gespräch und einem Beratungsgespräch.  

Der Ruheraum kann nur ein paar Umstände mildern, mit denen gerade neurodivergente oder psychisch kranke Jugendliche konfrontiert sind. Lediglich ein paar Aspekte können damit abgedeckt werden. Bei anderen Schwierigkeiten kann beispielsweise mit klarer Kommunikation oder Struktur und Routine angesetzt werden.4 

Welches Equipment braucht der Ruheraum? 

Der Ruheraum wurde partizipativ mittels Peergroup-Prozess vor der Eröffnung des Zentrums gestaltet. In diesem Prozess wurden die Ausstattung und die Auswahl an Equipment besprochen und das Konzept durch das Team mit Rücksicht auf diesen Prozess umgesetzt. Der Raum ist jetzt mit unterschiedlichem Equipment für eine ruhige Bereicherung ausgestattet, wie beispielsweise Sitzkissen, weichen Teppiche, Mandalas und dezentrale Lampen mit sanftem Licht. So kommt ein entspannendes Raumkonzept zusammen. Zusätzlich gibt es auch Plüschtiere, Decken, Fidget-Toys und Ohrstöpsel, um unangenehme Geräusche weiter abdämpfen zu können. Zuvor aufgestellte Regeln sorgen dafür, dass der Ruheraum ein Ruheraum bleibt. Folgende wurden bisher formuliert:  

  • Laute Geräusche sollen vermieden werden. 
  • Handys sollen auf Lautlos eingestellt oder mit Kopfhörern benutzt werden. 
  • Es sollen maximal vier Personen gleichzeitig im Ruheraum sein. 
  • Schuhe sollen vor dem Eintreten ausgezogen werden. 
  • Nur Wasser soll im Ruheraum konsumiert werden. 

Mit diesen Regeln soll sowohl die Funktion des Ruheraums als auch die Sauberkeit garantiert werden. Der Raum kann so für so viele Besucher:innen wie möglich geöffnet werden, ohne die Qualität des Angebots einzuschränken. Die Türe bleibt geschlossen, der Überblick kann im Q:WIR über die Fensterscheiben zur Terrasse gewahrt werden.  

Wie läuft es und wie soll es weitergehen? 

Die Besucher:innen nutzen den Ruheraum regelmäßig. Ständig kann beobachtet werden, wie Besucher:innen unterschiedlicher Altersgruppen allein oder mit ihren Freund:innen im Ruheraum sitzen und Gespräche führen, kuscheln, malen oder einfach nur ruhen. Sie wirken meist eher entspannt. Manchmal sieht man auch, wie Jugendliche den Raum angespannt betreten und sich im Laufe ihres Aufenthalts beruhigen. Sie können sich selbstständig zurückziehen und es befähigt sie dann auch, auf ihre Grenzen zu achten.  

Die Jugendarbeiter:innen sind achtsam und versichern sich, ob Unterstützung benötigt wird. Oft wollen sie allein gelassen werden, manchmal nehmen sie ein Gesprächsangebot an und es entstehen tiefgründige Gespräche über ihre allgemeine Lage oder über ihr momentanes spezifisches Problem. Das Konzept wird gut angenommen, der Ruheraum ist selten leer.  

Der Ruheraum soll kein starres, abgeschlossenes Projekt sein. Der Gestaltungsprozess ist ein laufender. Genauso wie vor der Eröffnung mit der Peergroup an der Gestaltung gearbeitet wurde, wird es weiterhin zentral sein, mit den Besucher:innen und Nutzer:innen des Raumes in Austausch zu bleiben, um immer wieder Feedback, Eindrücke, Gedanken oder Ideen zu sammeln und diese in die Entwicklung und Gestaltung des Raums mit einbeziehen zu können. Die Bedürfnisse der Besucher:innen können sich laufend ändern, es wird ihnen laufend erklärt, dass sie den Jugendarbeiter:innen ihre Wünsche und Bedürfnisse äußern können, um einen möglichst angenehmen und sicheren Raum schaffen zu können. 

Autor:in: Lu vom Q:WIR-Team

Quellen:

1 Neurodivergenz bezeichnet einen Überbegriff für Personen, bei denen unter anderem das Nervensystem und kognitive Funktionen anders funktionieren als bei der “Norm” beziehungsweise bei “neurotypischen” Personen. Dies stellt dabei keine eigene Diagnose dar, sondern einen Überbegriff, der nicht klar abgrenzbar ist und meist von betroffenen Personen als Selbstbezeichnung benutzt wird. Unter Neurodivergenz können beispielsweise psychiatrische Diagnosen wie Autismus-Spektrum-Störung (meist nur Autismus genannt), ADHS oder ADS, Angst- oder Panikstörungen sowie Borderline Persönlichkeitsstörung oder Legasthenie fallen. 
Quelle: https://my.clevelandclinic.org/health/symptoms/23154-neurodivergent  (zuletzt aufgerufen: 19.09.2024) 

2 Quelle: Neurodivergenz: Einführung und Tipps zum Umgang in der Jugendarbeit › Jugendleiter-Blog (zuletzt aufgerufen: 19.09.2024) 

3 Quelle: Sievers_FORUM_3-4-2021.pdf (kinder-undjugendarbeit.de) S. 43. (zuletzt aufgerufen: 19.09.2024) 

4 Quelle: https://www.jugendleiter-blog.de/2023/09/24/neurodivergenz-jugendarbeit/ (zuletzt aufgerufen: 19.09.2024) 

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