Das erste Bild, das Menschen von Jugendarbeit haben, ist eines von Kindern und Jugendlichen, die mit Jugendarbeiter*innen Uno oder im Park Ball spielen oder vielleicht sogar auf einer Spielkonsole im Jugendtreff. Dass jedoch auch Beratung ein wichtiger Teil von Jugendarbeit ist, wissen viele nicht. Jugendarbeit schafft aber gerade deshalb gelingende Beratungsprozesse mit jungen Menschen, weil wir auf Beziehungsarbeit setzen und die Freizeitpädagogik – das Spielen – eine stabile Brücke zur Beratung baut.
Beratungsgespräche passieren im Jugendtreff meist nebenbei, also während gemeinsam ein Brettspiel oder Tischtennis gespielt wird. Da ergeben sich im Gespräch Themen, und Jugendarbeiter*innen brauchen die Offenheit und Sensibilität, darauf zu reagieren und nachzufragen. In guten Situationen gelingen diese beratenden Gespräche dann unmittelbar mit einer Person oder in einer kleinen Gruppe. Manche Jugendliche sprechen uns mit ganz konkreten Anliegen an, zum Beispiel wenn sie Unterstützung bei der Lehrstellensuche brauchen oder wenn sie eine Ladung zu einer polizeilichen Einvernahme bekommen haben. Oder jemand schreibt uns auf Instagram, dass er oder sie unmittelbar nach der Schule nach Hause gehen muss, weil es Stress mit den Eltern gab und das ganz schön belastend ist. Beratungsgespräche können also immer und überall stattfinden; aus jeder Situation kann eine Beratungssituation werden.
Die Ziele von Beratungen in der Jugendarbeit sind unterschiedlich: Das reicht von Klärungen, wie etwas abläuft bis zur konkreten Hilfestellung bei einem Problem. Nicht alle Gespräche in der Jugendarbeit sind automatisch Beratungen. Es gibt selbstverständlich auch oft unverfängliches Plaudern und Austauschen über Erlebnisse. Und es gibt vor allem auch sozialpädagogische Gespräche, in denen es darum geht, dass Jugendliche ihre Haltungen und ihr eigenes Handeln reflektieren, um neue Perspektiven zu entwickeln und Handlungsoptionen zu erkennen. Auch die Themen, die in Beratungen behandelt werden, sind vielfältig: das Zuhause und Zusammenleben als Familie, Freundschaften, Liebe und Beziehungen, Schule, Gewalterfahrungen, Schulwechsel oder Arbeitssuche und vieles mehr. Muss man als Jugendarbeiterin also Expert*in für alles sein? Das sehen wir anders: Dem Gegenüber auch mal zu vermitteln, dass wir nicht unmittelbar eine Antwort haben und uns erst erkundigen müssen, oder gemeinsam Informationen zu einem Thema einzuholen oder zu recherchieren, macht sichtbar, dass auch Jugendarbeiter*innen nicht alles wissen müssen und Unterstützung brauchen. Um den vielfältigen Themen und Problemlagen unserer Zielgruppen angemessen begegnen zu können, ist das Team eine wichtige Ressource. Mitarbeiter*innen in der Jugendarbeit bringen unterschiedliche Ausbildungen und Erfahrungen mit, die für die Begleitung von Kindern und Jugendlichen einen hohen Stellenwert haben. In der Jugendarbeit ist es wichtig, das eigenen Wissen zu teilen und in Teamsitzungen, Fallbesprechungen oder in der Supervision auf das Wissen von Kolleg*innen zurückgreifen zu können.
Wenn man Jugendarbeit nicht kennt, dann fragt man sich vielleicht: Kommen die Kids nicht eigentlich, um im Jugendtreff oder im Park ihre Freizeit zu verbringen? Warum gehen sie mit ihren Fragen und Problemen nicht zu jugendspezifischen Beratungsstellen, zum Jugendcoaching, zu Psychotherapeut*innen oder telefonieren mit Rat auf Draht? Die Antwort darauf ist einfach: Ja, die Kinder und Jugendlichen kommen zunächst mal, um Spaß zu haben, um Langeweile zu vertreiben und als Ablenkung vom Schulstress. Sie gehen mit uns auf Ausflüge, um Neues kennenzulernen. Bei alldem wächst das Vertrauen und professionelle Beziehungen werden aufgebaut. Vielleicht erinnerst du dich, dass es wirklich viel Vertrauen braucht, um jemanden um Unterstützung zu fragen, und wie groß die Hürde ist, anonyme, unbekannte Beratungsangebote in Anspruch zu nehmen.
Ähnlich wichtig sind Beziehung und Vertrauen in den Beratungsgesprächen, die die FAIR-PLAY-TEAMs im öffentlichen Raum führen. Zu den Zielgruppen der FAIR-PLAY-TEAMs gehören auch Menschen, die schlechte Erfahrungen mit sozialen Unterstützungssystemen gemacht haben. Manche Menschen schaffen es schlichtweg nicht, zu Beratungsstellen zu gehen. Wir sind dann einerseits die Schnittstelle zwischen den Menschen und den Beratungsstellen, andererseits ist unser Angebot niederschwellig, denn wir sind unterwegs im öffentlichen Raum und werden unmittelbar angesprochen. In Beratungsgesprächen geht es oft um Grundbedürfnisse: Wo kann ich schlafen? Wo bekomme ich etwas zu essen? Wie kann ich in Österreich bleiben? Wer hilft mir mit meiner Strafe wegen unerlaubten Bettelns? Meist handelt es sich um Informationen über Angebote und darum, Menschen zu bestärken, die Diskriminierung erleben. Personen in prekären Lebenslagen erfahren in den Gesprächen, dass sie nicht alleine sind, dass jemand sich für sie, ihre Geschichten und Probleme interessiert und sie als Teil der Gesellschaft sieht.
Jugendliche kommen also zunächst zu uns, weil es bei uns lustig ist und sie ihre Freizeit bei uns verbringen wollen. Mit zunehmendem Vertrauen nehmen sie auch Beratungsangebote an. Marginalisierte Gruppen schätzen die leicht zugängliche Beratung durch die FAIR-PLAY-TEAMs. Beratung ist nicht unsere Hauptaufgabe – aber ein wichtiger Bestandteil unserer Angebote.
Autor*innen: Verein JUVIVO.
Dieser Text ist auch in der JUVIVO-Nachlese 2024 als Beilage der Straßenzeitung Augustin erschienen.
